Kreischende Stille

Kreischende Stille

Brüssel wird seit hundert Jahren von den Stadtplanern gequält. Die Verbindung zwischen Nord- und Südbahnhof hat eine Schneise durch die Altstadt geschlagen, 1200 Häuser wurden ab 1911 abgerissen. Nach dem I. Weltkrieg wurden die Arbeiten nicht fortgeführt, 1935 entschloss man sich, das Wahnsinnsprojekt zu fertigzustellen; erst 1952 konnte die Strecke eröffnet werden. Ein halbes Jahrhundert lang war die Stadt gelähmt gewesen, 75000 Einwohner hatten sie inzwischen verlassen. Bis heute ist hier ein Bruch im Stadtgefüge spürbar, größenwahnsinnige Bürobauten säumen hier einen toten Boulevard.

Inzwischen ist der sechsgleisige Tunnel die am dichtest befahrene Eisenbahnstrecke Europas. Unter den Bürohochhäusern liegt die Station Bruxelles Congres, und sie ist die am wenigsten genutzte Station in ganz Belgien. Allerdings fahren fast alle Züge durch, außerhalb der Hauptverkehrszeit ist die Haltestelle versperrt, die Belgische Staatsbahn möchte sie schon länger ganz auflassen. Bis dahin ist das Bauwerk aus den 1930ern ein seltsamer Ort, an dem die Zeit gefriert. Während die ständig durchrauschenden Züge die Illusion von Möglichkeiten erzeugen, changiert der Ort ständig zwischen kreischendem Lärm und absoluter Stille.

Die Stadt ohne Eigenschaften

Die Stadt ohne Eigenschaften

Madrid ist ein wenig „Stadt ohne Eigenschaften“, es gibt keinen Eiffelturm, keinen Big Ben, nichtmal einen richtigen Fluss. In die historisch-enge Altstadt hat man ab 1910 die „Gran Via“ geschnitten, nun werden in Ermangelung ikonischer Sehenswürdigkeiten ihre neobarocken Schlagobershochhäuser bestaunt. Die beiden höchsten Türme spannen mit großer Geste einen Platz auf, gleich hinter dieser Kulisse ducken sich kleine Altbauten im Schatten. Das berühmteste Denkmal der Stadt steht hier: Es ist Don Quijote, der verrückte Ritter, und er passt nur zu gut zu diesem Fiebertraum der Stadtplanung.

Unter den Türmen von Metropolis gibt es auch viel Armut. Schilderhochhalter, Inkostümenrumsteher, Insrestaurantlocker sind zahlreich. Plötzlich stehe ich vor einer ungewöhnlichen Kirche, Lichtschlangen blinken, Bildschirme erzählen Frohbotschaften: Die Iglesia de San Antón ist ein Sozialprojekt. Ein Mann geht an mir vorbei, etwas erfrischt stellt er sein Wegbier auf den Automaten beim Eingang. Hier kann man keine Zigaretten kaufen, sondern gute Taten: für 5, 10 oder 20 Euro erfährt man, was man damit bewegt.

In den Kirchenbänken sitzen Männer mit Gesichtern, die von verschlungenen Lebenswegen erzählen wollen und mit Sackgassengeschichten enden. Der Biermann grüßt die Kollegen, geht in die seitliche Kapelle und küsst das Altartuch (in Spanien hat sich Corona damals flott verbreitet). Dann steckt er sich eine Blüte des Zierblumensträußchens ins Knopfloch und eine Zigarette in den Mund, nimmt sich zwei Semmeln aus der großen Schütte und im rausgehen die Bierdose vom Automaten.

Vor der Kirche bieten Schwarze Ramsch an. An ihre Tücher haben sie Schnüre geknüpft und sehen damit aus wie Daubelfischer an der Donau: Kommt die Polizei, reicht ein Handgriff, um die Auslage zu einem Ballen zu machen, den sie über der Schulter davontragen.

Die älteste U-Bahn Europas (also, fast)

Die älteste U-Bahn Europas (also, fast)

Am 2. Mai 1896, also vor 130 Jahren, wurde die erste U-Bahn des Kontinents eröffnet (nur die in London ist älter); man wollte die Budapester Prachtstraße Andrássy ut nicht mit Schienen und Oberleitungen einer Straßenbahn verunstalten. Gebaut wurde sie anlässlich der Millenniumsausstellung im Stadtwäldchen, eine Art Miniweltausstellung zum tausendjährigen Bestehen Ungarns: Ein Feuerwerk aus Architekturversatzstücken, inspiriert von Bauwerken in ganz Ungarn. Ursprünglich war sogar eine Weltausstellung angedacht gewesen, nun zeigte eine Landesausstellung Geschichte und Gegenwart, mit ethnografischen Exponaten, nachgebauten Bauernhäusern aus dem ganzen Land und einer Leistungsschau der Industrie. In dieser goldenen Epoche der Stadt veränderte ein gründerzeitlicher Bauboom die Stadt, ab 1890 durch die bevorstehenden Feierlichkeiten nochmals befeuert, und die Andrássy war die prachtvolle Hauptachse von Pest, das zwanzig Jahre vorher mit Buda vereinigt worden war.

Ihr voller Name lautet Millenniumi Földalatti Vasút – Millenium ist klar, föld bedeutet Erde, alatt unter, Vasút bedeutet Bahn, das Ungarische bietet keine Anhaltspunkte für intuitive Übersetzungen. Weltweit erkennbare Worte wie Restaurant, Tramway oder Polizei übersetzt man mit étterem, villamos oder rendörség, diese Abgrenzung zu jeder anderen europäischen Sprache führt auch zu einer gewissen Bunkermentalität des ungarischen Volkes.

Aber zurück zur kleinen U-Bahn: Nach der 1000-Jahr-Feier pendelte sie weiterhin unspektakulär zwischen dem Zentrum und dem Stadtwäldchen, unbeeindruckt von allen politischen Systemwechseln in der Stadt darüber, Erweiterungspläne zerschlugen sich. Nur die Station Deák Ferenc tér wurde ein wenig verlegt, im alten Teil das Metromuseum eingerichtet, und 1973 wurde sie um eine Station zum  Mexikói út verlängert – hier kann man den Baustil des „Sozialistischen Klassizismus“ bewundern.

In den 1980ern war der Kommunismus ebenso am Ende wie die kleine U-Bahn, in die jahrzehntelang nur wenig investiert worden war, eine Sanierung wurde begonnen, aber 1988 aus Geldmangel abgebrochen. Erst nach dem Umsturz konnte die Stadtverwaltung das Projekt fortsetzen, und 1995 wurde sie endlich aufwendig und originalgetreu renoviert. Heute ist sie mit der darüber liegenden Straße UNESCO-Weltkulturerbe und ist eine Budapester Sehenswürdigkeit geworden.