Der goldene Vollmond

Der goldene Vollmond

2024 brachen die Olympischen Spiele über Paris herein, und sie waren damals entgegen aller Befürchtungen ein grandioser Erfolg. In Paris muss alles besonders sein, und so trug jeden Abend ein champagnerfarbener Ballon das Olympische Feuer in den Himmel über dem Tuilleriengarten. Und weil die Stadt auf keine Gelegenheit verzichten kann, die Menschen mit Schönheit zu begeistern, macht er das auch weiterhin, als schwebendes Denkmal für eine besondere Zeit.

Nun tanzt der Ballon an seiner Schnur im Sommerwind, von rechts leuchtet das Riesenrad des Vergnügungsparks herüber, von links huscht der Suchscheinwerfer des Eiffelturms über den Himmel. Lautlos glüht der Ballon, lautlos flackert sein Feuer, das in Wahrheit eine geschickte Projektion auf Wasserdampf ist.

Meine liebe französische Freundin Céline hat vor zwei Jahren ausführlicher darüber geschrieben:
https://feelingparis.net/paris-2024-die-olympiade-der-traeume/

Codex Urbanus

Codex Urbanus

An vielen Fassaden des Hügels von Montmartre haben sich Street Artists verwirklicht, und ziemlich zuverlässig trifft man dort auch das Bestiarium von „Codex Urbanus“. Die Fabelwesen sind entfernte Verwandte von Luigi Seraphinis „Codex Seraphinianus“, manche erinnern an Hieronymus Bosch; mir gefallen solche Seltsamkeiten.

Irgendwann hab ich den Künstler dann kontaktiert und ihm einige Arbeiten auf Papier abgekauft. Nun haben seine Fabelwesen das gut versteckte Mineralogische Museum infiltriert, ein Ort, den man auch als Pariskenner leicht übersieht: Prachtvolle Steine in allen Farben und Formen in den historischen Vitrinen eines Museums, das sich seit seiner Gründung kaum verändert hat.

Jetzt tummelt sich in der bunten Wunderkammer allerlei Getier, und anscheinend so erfolgreich, dass die Ausstellung bis Ende September verlängert wurde – Glück gehabt, eigentlich hätte sie am Tag vor meiner Ankunft schließen sollen, ich war schon vorsorglich enttäuscht gewesen. Einen Besuch empfehle ich ausdrücklich!

Codex Seraphinianus: https://grapheine.com/magazine/codex-seraphinianus/
Codex Urbanus, Kunstwerke: https://www.frenchartcollection.com/fr/21_CODEX+URBANUS
Codex Urbanus auf Facebook: https://www.facebook.com/codexstreetart/
Codex on the Rocks (Museum): https://www.musee.minesparis.psl.eu/Evenements/ExpoTemp/ExpoTemp2026/Codex/

Alpenglühen in der Lichterstadt

Alpenglühen in der Lichterstadt

Kein Land zelebriert seine Kreativität wie Frankreich, und Paris macht immer wieder Wunder möglich, die anderswo zuverlässig scheitern. Der Verpackungskünstler Christo konnte seine Idee, einen Flakturm zu verhüllen, in Wien nicht durchbringen. In Paris hat er 1985 den Pont Neuf und 2021 den Triumphbogen hinter tausenden Quadratmetern Planen verschwinden lassen und sich damit in die Stadtgeschichte eingeschrieben. Als Hommage wurde Pont Neuf nun wieder zum Kunstobjekt. Der Streetart-Künstler und Fotograf Jean-René – er nennt sich nur JR – bezieht sich mit seinem Entwurf auf die Steinbrüche, aus denen das Material für die Brücke stammt.

Als Flaneur ist Paris für mich die Hauptstadt Europas. Dieses Jahr konnte ich organisieren, zwei Monate hier zu leben. Der erste Tag meines bisher längsten Aufenthalts war dabei zufällig der letzte für die Installation. Entsprechend lang war die Schlange der Höhlenforscher, die sich (zu) schnell durch die Skulptur drängten. Während die Höhle in den nächsten Tagen zugeschüttet (beziehungsweise die Luft aus der Konstruktion gelassen) wird, bin ich gleichzeitig auf die Abenteuer und Inspirationen gespannt, die danach auf mich warten.

https://www.jr-art.net/fr/projects/la-caverne-du-pont-neuf
https://de.wikipedia.org/wiki/JR_(Fotograf)
https://www.instagram.com/jr

In den Passagen von Paris

In den Passagen von Paris

Paris fühlt sich schon länger nicht mehr an wie ein Reiseziel, eher wie ein Stadtteil meiner Heimat; ich bin häufiger an den Hallen, der Seine oder im Marais als in Kagran oder Hietzing, und steige sicher öfter in die Metro als in die Wiener U-Bahn. Damit verliert sich auch der Effekt, staunend durch eine fremde Stadt zu spazieren, trotzdem gibt es viele Orte, die immer wieder in den Fokus rücken. Ein dauerhafter Sehnsuchtsort sind die Passagen, die schon Walter Benjamin bezaubert haben; hier verdichtet sich Paris zur Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Ich bin zwar kein besonderer Freund seiner verschwurbelten Prosa, aber manche marihuanadurchtränkten Assoziationsblitze zu den Passagen kann ich nachvollziehen:

Passagen sind Häuser oder Gänge, welche keine Außenseite haben – wie der Traum.

Und tatsächlich steht dort die Zeit still. Manchmal flackert sie aber auch eigenartig: Ein Antiquariat, das ich in den 1980er Jahren entdeckt hatte, war Inspiration für meinen Mystery-Roman Das Verdammte Manuskript, und ich war traurig, als es eines Tages verschwunden war. Jahre später war es wieder da, mit den selben rätselhaften Kunstbüchern von Luigi Seraphini in der Auslage wie damals – und ich habe nicht geträumt! Diesmal war es allerdings wieder verschwunden, aber wer weiß, vielleicht sehe ich es irgendwann doch wieder…

Weitere Fotos: https://www.viennaslide.com/features/Paris-Passagen/

Für das Spectrum der Presse habe ich etwas ausführlicher dazu geschrieben

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Die kleine Bar im 11. Arrondissement

Eben erinnere ich mich an einen früheren Lokaltipp für Paris: Le p’tit bar, eröffnet 1965, 7 rue Richard Lenoir nahe Bastille. 2014 war Madame Polo noch am Leben, auch wenn das auf den Fotos nicht so deutlich rüberkommt. Man garantierte für nichts, empfohlen wurde aber, das Bier eher in der Flasche statt offen zu bestellen, aus den Gläsern zu trinken war zu vermeiden. Rudimentäre Französischkenntnisse erhöhten den Spaß, auch wenn Madame Polos ihre Erinnerungen eher fragmentiert vorgetragen hat. Leider wurde die riesige Katze, die ebenfalls hier ansässig war, heimatlos: Madame Polo ist 2017 nach einem Verkehrsunfall verstorben.

Marne-la-Vallée, Chessy, Nouveau Art Deco

100 Jahre Art déco

1925 eröffnet in Paris die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ – eine Kunstgewerbe- und Designausstellung. Sie wird äußerst erfolgreich und gibt dem Stil seinen Namen: Art déco.

Nach dem Ersten Weltkrieg ließ man den Jugendstil hinter sich, die neuen Technologien wurden zelebriert; die verschwenderische Ornamentik des Französischen Art Nouveau wich klareren Formen. Einige Verkehrsmittel erreichten ihren Hochblüte: Zeppeline, Luxuszüge, Ozeandampfer – und ihr Design beeinflusste Kunstgewerbe und Architektur ebenso wie die aufregenden wissenschaftlichen Entdeckungen. Während in Österreich und Deutschland (Wiener Werkstätte, Bauhaus) eher funktionalistische Wege eingeschlagen wurden, strahlte die Pracht des französischen Art déco in die Welt: es wurde der erste globale Stil, das Empire State Building in New York seine Ikone.

100 Jahre später ist Art déco wieder da: In der Pariser Region entstehen ganze Stadtviertel, die den in Frankreich weit verbreiteten Style Paquebot, den „Ozeandampfer-Stil“ wieder aufnehmen. Und er passt perfekt in unsere Zeit: Technikgläubigkeit, Dekadenz und Hedonismus – und gleichzeitig, in Anbetracht der vielen Krisen, wieder ein Tanz auf dem Vulkan, wie vor hundert Jahren.

http://www.mauerspiel.at/texte/2025-06-14-Presse-Spectrum-Artdeco.pdf
Fotos:
https://www.viennaslide.com/features/Paris-Art-Deco/
https://www.viennaslide.com/p/0530-paris/ZAC/Chessy

Die große Achse von Cergy-Pontoise

Die große Achse von Cergy-Pontoise

Weit draußen vor den Grenzen von Paris liegt ein Strich in der Landschaft. Eine Linie spannt sich von spröden Wohnblocks zu einer gefluteten Kiesgrube: Die „Axe Majeur“, die „Hauptachse“ – ein riesiges  Architektur-Kunstwerk des israelischen Künstlers Dani Karavan. Die Achse beginnt mit einem leicht geneigten Turm im Mittelpunkt der neobarocken Wohnanlage von Ricardo Bofill und strahlt dann über die Mäander der Oise mehr als 3 Kilometer ins Land. Seit 1986 werden immer wieder Etappen eröffnet, zuletzt 2008 die rote Brücke. Die „Achse“ ist Kunstwerk, Sehenswürdigkeit und Identifikationsobjekt der „Ville Nouvelle“ von Cergy-Pontoise, einer der Satellitenstädte um Paris.

Wie so oft in Frankreich gelingt die Kombination von Monumentalität und Harmonie. Viele Elemente des Kunstwerks haben symbolische Bezüge, wie die 12 Säulen, die die 12 Stunden des Tages zitieren. Ungerührt von der Topografie läuft die Achse geradlinig durch die Landschaft, durchquert den Garten der Menschenrechte, überspannt ein Amphitheater, eine Bühne, einen Teich. Während die Achse Spazierweg, Raum zur Kontemplation, zur Entspannung ist, inspiriert sie auch zu neuer Kreativität: fast immer trifft man auf Modefotografen oder Filmteams.

Noch ist die Achse nicht vollendet: Eine kreisrunde Insel mit astronomischen Skulpturen soll zum Schlusspunkt werden. Eine kleine Steinpyramide ragt bereits aus dem See, der Brückenschlag fehlt noch; auch danach soll der Schotterteich Lebenswelt für ungewöhnliche Wasservögel und Wildpflanzen bleiben.

https://www.axe-majeur.fr

Welt der Wunder

Welt der Wunder

„Das Antiquariat schien einerseits nach hinten im Gebäude zu versickern, andererseits wie ein Trichter Eigentümliches aus aller Welt und aller Zeit einzusaugen, um es auf dem ständig überquellenden Pult auszuspucken.“

…eine Wiener Wunderkammer inspirierte mich so sehr, dass ich sie als Handlungsort für meinen Roman „Das verdammte Manuskript“ nach Paris verpflanzte, wo ich sie in der Galerie Vero Dodat ansiedelte. Dabei war diese historische Passage selbst ein Ort der Wunder, die verstaubten Geschäfte bewahrten wie rätselhafte Schatullen noch in den 1980ern Seltsamkeiten sonder Zahl: historische wissenschaftliche Gegenstände, ein Vogelgerippe unter einem Glassturz oder riesige tropische Falter, wie bunte Blumen in einem Rahmen arrangiert – all das hinter matten Auslagenscheiben in trübem Licht.

Die Idee der Wunderkammern stammt aus der späten Renaissance, als die Sammlungen kurioser Gegenstände noch unwissenschaftlich präsentiert wurden; die fast kindliche Naivität macht aber den Reiz aus. Für mich ist es die rein ästhetische Zusammenstellung der Exponate, die Konzentration purer Schönheit auf engstem Raum, die diese Sammlungen so anziehend macht. In Venedig ist das Museo Furtuny, der frühe Palast des gleichnamigen Bildhauers, Erfinders und Architekten, ein solcher Ort.

Nach langer Geringschätzung wurde die Idee der Wunderkammer in letzter Zeit auch von Museen wieder entdeckt. Mit seinen „Boxes“ hat der amerikanische Künstler Joseph Cornell zahlreiche Miniatur-Wunderkammern geschaffen, 2015 waren seine fragilen Arbeiten im Wiener Kunsthistorischen Museum zu sehen; in der Sammlung Heidi Horten schufen Hans Kupelwieser und Markus Schinwald mit dem „Tea Room“ einen besinnlichen Raum der Kontemplation, in dem Hortens Sammlung kunstgewerblicher Kleinode hinter kreisrunden Luken gezeigt werden.

Squid Game und Ricardo Bofill

Die koreanische Fernsehserie Squid Game spielt mit dem Kontrast von kindlich-lieblichen Sets und brutaler Handlung. Für das Filmset gibt ein reales Vorbild: Der Wohnkomplex „La Muralla Roja“, die rote Mauer, steht an der Mittelmeerküste nahe Alicante in Spanien. Den Ort zu besuchen gelang mir noch nicht, in Barcelona steht allerdings ein ähnliches Gebäude: „Walden 7“ von 1975. Es ein Haus wie ein Bienenstock oder wie ein gigantisches Pueblo, ich hatte den Eindruck einer dreidimensionalen Dorfgemeinschaft. Trotz der modularen Bauweise wirken die immer unterschiedlichen Räume, Brücken und Balkone menschlich – auch durch die Wahl von warmen Farbtönen und Ziegeln als Oberflächen.

Unmittelbar neben Walden 7 ist das alte Zementwerk, das Bofill gekauft und zu seinem Atelier gemacht hat: von den höchsten Etagen des Wohnexperiments sieht man auf die üppig begrünten Dächer des „Taller de Arquitectura“ die endgültige Fertigstellung des immer noch laufenden Umbaus hat er nun nicht mehr erlebt.

Später verloren seine Bauten ihre verspielte Unschuld. Mit Großprojekten wie dem Palacio d’Abraxas in den Pariser Vororten oder dem Antigone-Viertel in Montpellier schuf er zwar weitere Instagram- oder Filmtaugliche Kulissen („Brazil“, „Hunger Games“), die menschlichen Dimensionen gingen aber verloren.

Arte hat eine schöne Hommage an den Architekten produziert:
https://www.arte.tv/de/videos/117329-001-A/in-spanien-ricarco-bofill-sprengt-den-rahmen/

Eine umfangreiche Fotosammlung zu Bofills Bauten habe ich hier zusammengestellt:
https://www.viennaslide.com/features/Bofill

Für das Spectrum der Presse habe ich das Thema etwas ausführlicher beschrieben:
http://www.mauerspiel.at/texte/2025-01-25-Presse-Spectrum-Bofill.pdf

In den Kellern der Pariser Oper

In den Kellern der Pariser Oper

Mitte der 1980er-Jahre – in den Wiener Musicalhäusern gab man „Das Phantom der Oper“ – hatte ich die Idee, den Originalschauplatz der Story zu fotografieren. Die Direktion der Pariser Oper reagierte verhalten. Mein euphorisch vorgetragener Plan, nicht nur in die Keller vordringen, sondern sie auch noch mit Fackeln beleuchten zu wollen, war dann aber ausreichend absurd, mich zu empfangen und mir den Generalschlüssel zu überlassen.

An diesem Tag führte mich mein Weg von den Schnürböden unter dem Dach bis in die tiefsten Keller. Und obwohl der unterirdische See des Phantoms nichts anderes war als ein Löschwasserbecken: Die Herzkammer tief unter einem der berühmtesten Opernhäuser der Welt nach meinen Ideen inszenieren zu dürfen war grandios. Meine flackernden Kerzen haben nicht nur Rußstriche an den Wänden hinterlassen, sondern auch die Leidenschaft entfacht, nach den verborgenen Bildern und Geschichten zu suchen, die in meiner Heimatstadt Wien konserviert sind. Hinter den glänzenden Fassaden lauern die Schatten seltsamer Begebenheiten, wispern tausend Stimmen: Sie warten darauf, entdeckt zu werden.

2019 war ich, Jahrzehnte später, wieder in der Opera Garnier – diesmal allerdings in den goldglänzenden Prunkräumen. Und auch hier seltsame Geschichten. Als ich die Keller mit Fackeln beleuchtete wusste ich nichts vom Feuertod der jungen Ballerina Emma Livry, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Ruhm sucht. Mit ihren 20 Jahren steht sie am Beginn einer aufregenden Karriere, ihre majestätische Interpretation von „La Sylphide“ macht sie berühmt. Bei ihren Auftritten will sie dem Rampenlicht näher sein als alle anderen – am 15. November 1862 fängt ihr Kostüm am Gaslicht Feuer. Ein letztes Mal richten sich alle Blicke auf sie, als lebende Fackel läuft sie noch drei Mal durch die Kulisse. Von den Verletzungen erholt sie sich nicht mehr; mit ihr sinkt auch das „romantische Ballett“ mit all seiner Sinnlichkeit, Magie und Exotik ins Grab, Emma Livry war die letzte Ballerina dieser Ära.

Eine ausführliche Fotoseite habe ich hier zusammengestllt: https://www.viennaslide.com/features/Paris-Opera/