Codex Urbanus

Codex Urbanus

An vielen Fassaden des Hügels von Montmartre haben sich Street Artists verwirklicht, und ziemlich zuverlässig trifft man dort auch das Bestiarium von „Codex Urbanus“. Die Fabelwesen sind entfernte Verwandte von Luigi Seraphinis „Codex Seraphinianus“, manche erinnern an Hieronymus Bosch; mir gefallen solche Seltsamkeiten.

Irgendwann hab ich den Künstler dann kontaktiert und ihm einige Arbeiten auf Papier abgekauft. Nun haben seine Fabelwesen das gut versteckte Mineralogische Museum infiltriert, ein Ort, den man auch als Pariskenner leicht übersieht: Prachtvolle Steine in allen Farben und Formen in den historischen Vitrinen eines Museums, das sich seit seiner Gründung kaum verändert hat.

Jetzt tummelt sich in der bunten Wunderkammer allerlei Getier, und anscheinend so erfolgreich, dass die Ausstellung bis Ende September verlängert wurde – Glück gehabt, eigentlich hätte sie am Tag vor meiner Ankunft schließen sollen, ich war schon vorsorglich enttäuscht gewesen. Einen Besuch empfehle ich ausdrücklich!

Codex Seraphinianus: https://grapheine.com/magazine/codex-seraphinianus/
Codex Urbanus, Kunstwerke: https://www.frenchartcollection.com/fr/21_CODEX+URBANUS
Codex Urbanus auf Facebook: https://www.facebook.com/codexstreetart/
Codex on the Rocks (Museum): https://www.musee.minesparis.psl.eu/Evenements/ExpoTemp/ExpoTemp2026/Codex/

Alpenglühen in der Lichterstadt

Alpenglühen in der Lichterstadt

Kein Land zelebriert seine Kreativität wie Frankreich, und Paris macht immer wieder Wunder möglich, die anderswo zuverlässig scheitern. Der Verpackungskünstler Christo konnte seine Idee, einen Flakturm zu verhüllen, in Wien nicht durchbringen. In Paris hat er 1985 den Pont Neuf und 2021 den Triumphbogen hinter tausenden Quadratmetern Planen verschwinden lassen und sich damit in die Stadtgeschichte eingeschrieben. Als Hommage wurde Pont Neuf nun wieder zum Kunstobjekt. Der Streetart-Künstler und Fotograf Jean-René – er nennt sich nur JR – bezieht sich mit seinem Entwurf auf die Steinbrüche, aus denen das Material für die Brücke stammt.

Als Flaneur ist Paris für mich die Hauptstadt Europas. Dieses Jahr konnte ich organisieren, zwei Monate hier zu leben. Der erste Tag meines bisher längsten Aufenthalts war dabei zufällig der letzte für die Installation. Entsprechend lang war die Schlange der Höhlenforscher, die sich (zu) schnell durch die Skulptur drängten. Während die Höhle in den nächsten Tagen zugeschüttet (beziehungsweise die Luft aus der Konstruktion gelassen) wird, bin ich gleichzeitig auf die Abenteuer und Inspirationen gespannt, die danach auf mich warten.

https://www.jr-art.net/fr/projects/la-caverne-du-pont-neuf
https://de.wikipedia.org/wiki/JR_(Fotograf)
https://www.instagram.com/jr

Ein Pharao für Zuhause

Ein Pharao für Zuhause

Auf der Kunstmesse in einem eleganten Innenstadtpalais schaue ich in große Mädchenaugen. Sie gehören zu einer ägyptischen Totenmaske, und sollte man sich in den Blick verlieben, ist die Dame käuflich: um 40.000 € wird sie zur Mitbewohnerin.

In den staatlichen Museen wären historische Exponate zum Anfassen und Mitnehmen undenkbar. Es ist nicht allzu bekannt, dass es Handel mit Antiquitäten jenseits von Omas Biedermeierschränkchen gibt. Die ersten großen Antikensammlungen waren aber privat, und in Österreich sind viele Kunstgegenstände aus archäologischen Grabungen in den Vitrinen des Großbürgertums gelandet. Von den Barbaren des „Tausendjährigen Reichs“ wurde die intellektuelle Klasse Wiens praktisch ausgerottet, damit verschwand nicht nur Talent, Können und Wissen: Die wertvollen Kunstsammlungen wurden von den Nazis gestohlen oder nur knapp ins Ausland gerettet. Vor dem Krieg war Österreich führend im Antikenhandel; dann ging diese Tradition verloren.

Christoph Bacher war Chefredakteur einer großen Wochenzeitung, bevor er sich vor zehn Jahren mit einem kleinen Geschäft am Ring selbstständig gemacht hat. Er will an die große Tradition anschließen, der Erfolg hat sogar ihn überrascht, inzwischen gehört er zu den Top Ten der internationalen Händlerszene. In seinem Schauraum stehen Tafeln mit Hieroglyphen oder römische Statuen – aber auch Schmuck aus der Bronzezeit, ein echter Meteorit oder eine Kannibalengabel. Dabei geht hier nichts ohne sorgfältige Dokumentation: Der Markt ist gesetzlich klar geregelt, dubiose Angebote lehnt Bacher strikt ab. Aber gehören solche Gegenstände nicht eigentlich ins Museum? „Die Museumsdepots platzen aus allen Nähten, die Öffentlichkeit bekommt vieles nie zu sehen. Der private Antikenmarkt kann dabei sogar Lücken in der Forschung schließen“. Sein Lieblingsbeispiel dafür: Ein Relief, das bewiesen hat, dass Tutanchamun Echnatons Sohn war. „Irgendwann werden auch spektakuläre Privatsammlungen an Menschen vererbt, denen Geld wichtiger als Kunst ist – das sind dann die Sternstunden für uns Kunsthändler!“

Die Website von Christoph Bacher:
https://www.cb-gallery.com/

Noch bis 6.April: „Noble Begierden“, eine fantastische Ausstellung zur Entwicklung des Kunstmarkts im Palais Liechtenstein – Eintritt frei!
https://www.palaisliechtenstein.com/de/besuch/noble-begierden.html

Spaziergang durch einen Traum

Spaziergang durch einen Traum

Die Inszenierungen des Serapions-Ensembles verzaubern mich seit Jahrzehnten. Der Name ist eine Ableitung von E.T.A. Hoffmanns Serapiontischen Prinzip: Innen- und Außenwelt fließen ineinander, aus der detailverliebten, visuell dominierten Erzählung formt sich das Gesamtbild, Realität und Phantasie verschmelzen zu einem Traum. Nicht ganz zufällig war „Verwunschen“ nach Liedern von André Heller das erste Stück, auf das ich seinerzeit aufmerksam wurde, Theaterkarten konnte ich mir damals aber noch keine leisten.

Glücklicherweise änderte sich das bald, und bei „Double & Paradise“ erlebte ich die Bildexplosionen des Serapions-Ensembles zum ersten Mal, akustisch garniert mit den Minimal-Music-Stücken von Meredith Monk. Nach rastloser Wanderschaft übernahm die Gruppe um Erwin Piplitz und Ulrike Kaufmann dann 1988 den alten Saal der Landwirtschaftsbörse an der Taborstraße und schuf das „Odeon“ – mit viel zu wenig Geld, aber umso größerem Enthusiasmus konservierten sie den magischen Raum in seinem halb verfallenen Schwebezustand.

Als ich an meinem Buch über Lost Places arbeitete, hatte ich auch den alten Börsesaal auf der Liste. Mein Fotowunsch wurde freundlich genehmigt, und nicht nur das: Ob ich vielleicht die aktuelle Produktion fotografieren wolle? Eine bessere Frage hätte mir Piplitz nicht stellen können, und so wurde Realität, was ich mir seit Ewigkeiten gewünscht hatte: Durch die Bühnenbilder des Serapions-Theaters zu spazieren, Teil des Traums zu werden.

Das Odeon-Theater in Wien, Heimat des Serapions-Ensembles

Damien Hirst

Damien Hirst

„Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ – das Konzept: ein Schiff, die „Unglaubliche“, ist vor 2000 Jahren gesunken, und mit ihr jede Menge Kunstschätze. Damien Hirst hat sie gefunden und geborgen. Angeblich…

Mit seiner Ausstellung in Venedig hat Hirst eine unfassbare Kitschorgie produziert. Der einzige Trost ist, dass der ganze Ramsch in den Foyers von arabischen Hotels und Palazzi von Oligarchen landen wird und der Normalsterbliche ihn nicht mehr ertragen wird müssen. Vielleicht schmücken auch ein paar Russen ihre Yachten damit, dann besteht zumindest die Chance, dass der Dreck endgültig dorthin versinkt, wo er angeblich herkommt.

Kein Klischee wird ausgelassen, schamlos wird in die Weltkunstgeschichte gegriffen und die kunsthistorischen Beschreibungen gleich selbst dazuerfunden. Von Balinesischen Masken über Ägyptische Sphingen bis zu pseudogriechischen Statuen in sonder Zahl; bei den Damen wurde auf kein anatomisches Detail vergessen, die Erotik soll ja auch nicht zu kurz kommen.

Wie sehr Hirst Unternehmer ist, sieht man daran, dass es Objekte in allen Größen ebenso gibt wie in mehreren Farben, passend zu jeder Oligarcheneinrichtung in Bronze, Silber und Gold. Die Jahre bis zur Pension wird er davon leben, die Trümmer zu verscheppern. Vorher anschauen muss man sie sich aber nicht wirklich.

https://www.artnews.com/artnews/news/a-disastrous-damien-hirst-show-in-venice-8262

2017 in Venedig (Fotos); Zeichnungen zum Projekt sieht man bis 12. Oktober 2025 in der Wiener Albertina Modern:

https://www.albertina.at/albertina-modern/ausstellungen/damien-hirst

Wie André Heller die Welt bezaubert

Wie André Heller die Welt bezaubert

Gerade wurde André Heller 78 Jahre alt, ein Mann, der wie kein anderer mein Leben inspiriert hat. Er wurde von der Wiener Kulturmischpoche lange nicht ausreichend ernst genommen, dabei hat sein liebevoll-amateurhafter Zugang mehr Menschen begeistert als alle Neider zusammen. Ich wurde auf ihn aufmerksam, als er mit „Flic-Flac“ erstmals vergessene Künste neu belebte; leider hatte ich damals kein Geld, die Vorstellungen zu besuchen, ebenso undenkbar war eine Reise zum Feuertheater nach Lissabon. Aber: Sein Wille zur Verwirklichung um jeden Preis hat mich angesteckt.

1987 erreichte mich ein Anruf, ein Glückszufall wie so oft: Eine Wiener Messebaufirma konstruierte Jahrmarktstandln, ich sollte die Aufbauanleitungen dafür zeichnen – es war ein von Heller organisierte Kunstrummelplatz, ich arbeitete mich durch Stangen, Planen, Verspannungen. Inkludiert war eine Reise nach Hamburg, wo all dies erstmals aufgestellt wurde, und ich fand mich bei „Luna Luna“ wieder. Hier wurde ich erstmals mit Künstlern wie Attersee, Topor oder Brus konfrontiert und sofort robust bezaubert, auch wenn vor fast 40 Jahren nicht absehbar war, dass Keith Haring (ich traf ihn im U4) zum Weltstar oder Jean-Michel Basquiat (leider bald verstorben) zum weltweit teuersten Künstler werden sollte.

Die damals schlicht naive Freude an alledem ist bis heute Basis meiner Liebe zu moderner Kunst. Ebenfalls bis heute sind Hellers Verwirklichungen Ansporn für meine Arbeit: immer neues zu probieren, „just do it“ – als Designer, Architekt, Galerist, Künstler, Fotograf und Autor, und wer weiß, was noch alles kommt.

Luna-Luna verschwand nach Rechtsstreitigkeiten für Jahrzehnte in Containern. Die Idee, die höchstkarätige Kunstattraktion in Wien aufzustellen, scheiterte an der provinziellen Politik. Aber jetzt: Endlich kommen die Schätze wieder ans Licht, endlich wurden die 44 in Texas gelagerten Container wieder geöffnet, endlich die Attraktionen in Los Angeles und New York wieder gezeigt. Eine Weltournee folgt vielleicht.

„Sich lernend verwandeln“: Diesen Rat hat mir André Heller gegeben, ich habe ihn befolgt, und es ist eines der besten möglichen Lebenskonzepte. Möge er hundertzwanzig Jahr‘ alt werden!

https://lunaluna.com

Schrecklich schön

Schrecklich schön

2001 begegnete ich Peter Sengls Arbeiten zum ersten mal bewusst: „Schrecklich schön“ hieß die Retrospektive im Wienmuseum. Dort: seine in Verschraubungen, Verspannungen, Verklemmungen gefangene Figuren. Trotzdem wirken sie stolz und frei, nehmen die Modifikationen fast teilnahmslos hin, und oft ist ein schelmisches Augenzwinkern dabei.

Ich dachte mir, „wow“, rief den Künstler an und wurde eingeladen.

Sengls Atelier ist ein Pandemonium prachtvoller Absonderlichkeiten, eine Wunderkammer nach meinem Geschmack, und mittendrin eine präparierte Kuh – Peter Greenaway hatte sie für seine Ausstellung „hundert Dinge erzählen die Welt“ im Waldviertel bestellt und danach zurückgegeben, Sengl hat sie gekauft. Ich konnte Sengl damals für eine „erotische Familienausstellung“ in meiner Galerie gewinnen: Mit seiner Frau Susanne Lacomb und seiner Tochter Deborah Sengl verwirrte das Gespann meine Besucher.

Immer in grellbunt gemusterten Maßanzügen, wirkt Sengl wie ein Renaissance-Malerfürst. Seine Welt erinnert an Herzmanovsky-Orlando, und seine Bildtitel passen dazu, rätselhaft, ironisch, poetisch sind sie: „Daungelassene Blumenrosenschultertränenquart für mein Grab“ liest man da, oder „Neunfacher Schwanungsblick“; als er meine Freundin malte, wurde daraus „Ingrids Blumentatoo-Tanz mit Clementine und Holunder“.

Gestern wurde Sengl 80 Jahre alt, und in einer Innenstadtgalerie wurde gefeiert.

https://www.suppanfinearts.com/de
http://www.petersengl.at/

Die große Achse von Cergy-Pontoise

Die große Achse von Cergy-Pontoise

Weit draußen vor den Grenzen von Paris liegt ein Strich in der Landschaft. Eine Linie spannt sich von spröden Wohnblocks zu einer gefluteten Kiesgrube: Die „Axe Majeur“, die „Hauptachse“ – ein riesiges  Architektur-Kunstwerk des israelischen Künstlers Dani Karavan. Die Achse beginnt mit einem leicht geneigten Turm im Mittelpunkt der neobarocken Wohnanlage von Ricardo Bofill und strahlt dann über die Mäander der Oise mehr als 3 Kilometer ins Land. Seit 1986 werden immer wieder Etappen eröffnet, zuletzt 2008 die rote Brücke. Die „Achse“ ist Kunstwerk, Sehenswürdigkeit und Identifikationsobjekt der „Ville Nouvelle“ von Cergy-Pontoise, einer der Satellitenstädte um Paris.

Wie so oft in Frankreich gelingt die Kombination von Monumentalität und Harmonie. Viele Elemente des Kunstwerks haben symbolische Bezüge, wie die 12 Säulen, die die 12 Stunden des Tages zitieren. Ungerührt von der Topografie läuft die Achse geradlinig durch die Landschaft, durchquert den Garten der Menschenrechte, überspannt ein Amphitheater, eine Bühne, einen Teich. Während die Achse Spazierweg, Raum zur Kontemplation, zur Entspannung ist, inspiriert sie auch zu neuer Kreativität: fast immer trifft man auf Modefotografen oder Filmteams.

Noch ist die Achse nicht vollendet: Eine kreisrunde Insel mit astronomischen Skulpturen soll zum Schlusspunkt werden. Eine kleine Steinpyramide ragt bereits aus dem See, der Brückenschlag fehlt noch; auch danach soll der Schotterteich Lebenswelt für ungewöhnliche Wasservögel und Wildpflanzen bleiben.

https://www.axe-majeur.fr

Welt der Wunder

Welt der Wunder

„Das Antiquariat schien einerseits nach hinten im Gebäude zu versickern, andererseits wie ein Trichter Eigentümliches aus aller Welt und aller Zeit einzusaugen, um es auf dem ständig überquellenden Pult auszuspucken.“

…eine Wiener Wunderkammer inspirierte mich so sehr, dass ich sie als Handlungsort für meinen Roman „Das verdammte Manuskript“ nach Paris verpflanzte, wo ich sie in der Galerie Vero Dodat ansiedelte. Dabei war diese historische Passage selbst ein Ort der Wunder, die verstaubten Geschäfte bewahrten wie rätselhafte Schatullen noch in den 1980ern Seltsamkeiten sonder Zahl: historische wissenschaftliche Gegenstände, ein Vogelgerippe unter einem Glassturz oder riesige tropische Falter, wie bunte Blumen in einem Rahmen arrangiert – all das hinter matten Auslagenscheiben in trübem Licht.

Die Idee der Wunderkammern stammt aus der späten Renaissance, als die Sammlungen kurioser Gegenstände noch unwissenschaftlich präsentiert wurden; die fast kindliche Naivität macht aber den Reiz aus. Für mich ist es die rein ästhetische Zusammenstellung der Exponate, die Konzentration purer Schönheit auf engstem Raum, die diese Sammlungen so anziehend macht. In Venedig ist das Museo Furtuny, der frühe Palast des gleichnamigen Bildhauers, Erfinders und Architekten, ein solcher Ort.

Nach langer Geringschätzung wurde die Idee der Wunderkammer in letzter Zeit auch von Museen wieder entdeckt. Mit seinen „Boxes“ hat der amerikanische Künstler Joseph Cornell zahlreiche Miniatur-Wunderkammern geschaffen, 2015 waren seine fragilen Arbeiten im Wiener Kunsthistorischen Museum zu sehen; in der Sammlung Heidi Horten schufen Hans Kupelwieser und Markus Schinwald mit dem „Tea Room“ einen besinnlichen Raum der Kontemplation, in dem Hortens Sammlung kunstgewerblicher Kleinode hinter kreisrunden Luken gezeigt werden.

Linz: Die Ars Electronica in der Post City

Linz: Die Ars Electronica in der Post City

Mit dem Abriss der Post-City verliert Linz die interessanteste Ausstellungs-Location Österreichs

Es ist ein moderner Lost Place: Bis vor zehn Jahren war das von außen unspektakuläre Betriebsgebäude eine einzige riesige Maschine, in der Menschen nur eine Nebenrolle gespielt haben. Sortieranlagen und kilometerlange Förderbänder waren das Adernsystem unter der Stahlbetonhaut, die dreidimensionale Maschinenstruktur mit ihren spiralförmigen Paketrutschen zieht sich durch mehrere Geschoße. Raumgrößen und -höhen waren auf die Riesenmaschine abgestimmt, LKW-Auffahrtsrampen und Rangierräume im ersten Stock spannen ebenso riesige Räume auf wie die ebenerdige Gleishalle; dazwischen dann fast winzige Büroräume, das „Hauptstiegenhaus“ ist kleiner als das in manchem Gemeindebau. Im Keller, dem „Bunker“ dann nackte Betonhallen und enge Korridore: rohe industrielle Strukturen, die gleichzeitig Möglichkeitsräume öffnen, insgesamt etwa 100.000 Quadratmeter.

Dabei war das Verteilzentrum nur zweieinhalb Jahrzehnte lang in Betrieb; zu schnell hat sich das Geschäft der Post verändert, zu sehr hat die verkehrsgünstige Lage neben dem Bahnhof Begehrlichkeiten geweckt. Inzwischen stehen die Förderbänder still, die Paketverteilung wurde nach Allhaming auf die grüne Wiese verlegt, ein Bahnanschluss ist heute nicht mehr gefragt.

Als Zwischennutzung bespielt seit 2015 das Ars Electronica Festival einmal im Jahr das Areal, und für dieses einzigartige Zukunftslabor gibt es keinen passenderen Ort als die tote Maschinenwelt. Die Ars Electronica verwandelt die bizarre Poststation in eine Wunderkammer digitaler Kunst, in Österreich viel zu wenig wahrgenommen, dafür international umso bekannter – es ist das weltweit größte Festival für die Auseinandersetzung mit der digitalen Zukunft, für Kreativität, für Medienkunst.

Dass die „Post-City“ der Stadt verloren geht, banalen Wohntürmen weichen soll, ist ein dramatischer Verlust: Ich kenne europaweit keinen besseren Ausstellungsraum. Mit der Ars Electronica gehört Linz zur weltweiten Avantgarde; das erst wenige Jahrzehnte alte Gebäude abzureißen ist nicht nur kulturell ein Drama: Statt visionärer Kunst gestrige Stadtplanung, Wohnklötze zwischen einem Autobahnzubringer und dem Gleisfeld des Hauptbahnhofes – Investoren haben sowieso schon abgewunken. Als Wohnquartier ist das Areal fragwürdig; für ein Veranstaltungszentrum kombiniert mit universitärer Nutzung wäre die Lage ideal. Von einer „fortwährenden Zwischennutzung“ hätte die Stadt wohl mehr – auf Dauer.