Alpenglühen in der Lichterstadt

Alpenglühen in der Lichterstadt

Kein Land zelebriert seine Kreativität wie Frankreich, und Paris macht immer wieder Wunder möglich, die anderswo zuverlässig scheitern. Der Verpackungskünstler Christo konnte seine Idee, einen Flakturm zu verhüllen, in Wien nicht durchbringen. In Paris hat er 1985 den Pont Neuf und 2021 den Triumphbogen hinter tausenden Quadratmetern Planen verschwinden lassen und sich damit in die Stadtgeschichte eingeschrieben. Als Hommage wurde Pont Neuf nun wieder zum Kunstobjekt. Der Streetart-Künstler und Fotograf Jean-René – er nennt sich nur JR – bezieht sich mit seinem Entwurf auf die Steinbrüche, aus denen das Material für die Brücke stammt.

Als Flaneur ist Paris für mich die Hauptstadt Europas. Dieses Jahr konnte ich organisieren, zwei Monate hier zu leben. Der erste Tag meines bisher längsten Aufenthalts war dabei zufällig der letzte für die Installation. Entsprechend lang war die Schlange der Höhlenforscher, die sich (zu) schnell durch die Skulptur drängten. Während die Höhle in den nächsten Tagen zugeschüttet (beziehungsweise die Luft aus der Konstruktion gelassen) wird, bin ich gleichzeitig auf die Abenteuer und Inspirationen gespannt, die danach auf mich warten.

https://www.jr-art.net/fr/projects/la-caverne-du-pont-neuf
https://de.wikipedia.org/wiki/JR_(Fotograf)
https://www.instagram.com/jr

Die Stadt und die Bögen

Die Stadt und die Bögen

…so würde das Kapitel heißen, hätte Italo Calvino in seinem Buch „Die unsichtbaren Städte“ Bologna erwähnt. Praktisch jedes Haus hat vorgelagerte Arkaden, damit sind die Gehsteige geschützt und die Wohnfläche darüber vergrößert. Diese Arkadengänge sind teilweise UNESCO-Kulturerbe, und der längste gedeckte Weg geht fast 5 Kilometer einen Berg hinauf zur Kirche San Luca: Kreuzweg mit Aussicht.

Entstanden sind die Arkaden, um den Wohnraum zu vergrößern: 1288 schrieb die Stadt vor, dass alle Häuser so gebaut werden sollten, zwei Meter sechsundsechzig hoch, passend für einen Reiter mit Hut. Über den Gehsteigen sind nun Zimmer, die Häuser stehen auf Stelzen, die Fußgänger sind vor Sonne und Regen geschützt. Es gibt hohe und niedere, prachtvolle und schlichte Arkadengänge – und sie machen das Stadtbild enorm plastisch, verschränken Innen- und Außenraum, sind Aufenthaltsort und Treffpunkt. Mit der Nase kann man die Häuser hinter den Bögen erspüren: Küchengerüche kommen aus der kleinen Osteria ums Eck, versteckte Gärten bringen eine Ahnung von Jasmin, im Zentrum entlassen Luxusmarken den Parfumduft von Reichtum in die Gassen.